Sternenfelder

Newgrange ⎈ Norderstedt

 

Im Herbst 2018 haben wir den großen jungsteinzeitlichen Grabhügel von Newgrange im Boyne Valley besichtigt. Die etwa 5.000 Jahre alte Anlage liegt rund 35 km nördlich von Dublin und 12 km westlich der Irischen See auf einer natürlichen Hügelkuppe nördlich des Flusses Boyne. Sie ist 12 Meter hoch und hat einem Durchmesser von ca. 80 Metern. Der Hügel wurde ursprünglich von einer Steinmauer gestützt, die zur Hälfte rekonstruiert wurde. Sie besteht aus weißem Quarzit, aber in unregelmäßigen Abständen wurden schwarze Steine dazwischen gesetzt, so dass das Negativ eines Bildes von einem willkürlichen Sternenhimmel, ein Sternenfeld, entstand. Dabei ist ungewiss, wie die schwarzen Steine ursprünglich wirklich angeordnet waren. 


In südöstlicher Richtung befindet sich ein Rezess in der Steinmauer und in dessen Zentrum eine schmale, niedrige Tür mit einem Fenster darüber. Hinter der Tür führt ein etwa 19 Meter langer, niedriger Gang ins Innere der Anlage. Vor dem Eingang liegen drei mächtige Steinblöcke. Der mittlere Block ist mit geometrischen Mustern und ineinander verschlungenen Spiralen verziert, die akkurat in den Stein gehauen wurden. Die Anlage ist nicht frei zugänglich, von einem Besucherzentrum aus wird man in etwa 15 Minuten mit kleinen Bussen zum Eingang der eingefriedeten Anlage gebracht. Der Andrang war groß, aber zum Glück hatten wir im Voraus eine Führung gebucht. 


Auf Grund der Enge im Inneren der Anlage wurde die Gruppe vor dem Hügel noch einmal geteilt. Dann passierten wir eine Holztreppe die über die vor dem Eingang liegenden Steinblöcke führte und betraten den Gang. In gebückter Haltung und noch geblendet vom Sonnenlicht tasteten wir uns in den Gang, dann weiteten sich die Pupillen und wir sahen, dass der Gang durch einige Lampen schwach beleuchtet war. Immer tief gebückt schoben wir uns weiter, einige Stellen waren nur seitlich zu passieren. Langsam gewöhnten sich die Augen an die spärliche Beleuchtung und nach und nach nahmen wir immer mehr Details wahr. Der Gang war mit Steinen unterschiedlicher Größe gelegt und mit flacheren Steinplatten abgedeckt. In vielen Steinen waren Namen, Kritzeleien und Graffiti eingeritzt, die noch aus viktorianischer Zeit stammten, bevor die Anlage von der zuständigen Behörde verschlossen wurde. Nach etwa 20 Metern kamen wir in die etwa sechs Meter hohe zentrale Kammer, von der rechts, links und in der Verlängerung des Ganges drei Grabkammen abgingen. Wir blickten nach oben in die kuppelähnliche Dachkonstruktion, die nur aus leicht nach außen geneigten Steinen gelegt war und durch die während der letzten 5000 Jahre noch kein Wasser eingedrungen war. Nach der Enge des Ganges wirkte diese zentrale Kammer noch größer, als sie eigentlich war. Dicht gedrängt, staunend, fast ehrfurchtsvoll standen wir in der Kammer. 


Aber „Sí an Bhrú“, wie Newgrange im Irischen heißt, ist nicht nur ein Grab, es ist auch ein steinzeitliches Observatorium. Der Gang, durch den wir uns gebückt, einer nach dem anderen, bis hierher vorgearbeitet hatten ist nach Südosten ausgerichtet. Und bei der Wintersonnenwende fällt das Licht der tiefstehenden, aufgehenden Sonne genau durch das Zentrum des kleinen Fensters über dem Eingang durch den Gang bis in die zentrale Kammer. Nachdem wir uns in der zentralen Kammer und den Grabkammern umgesehen hatten, hielt der Guide mit seinen Erklärungen inne und bat darum, dass wir uns alle ganz dicht an die Wände stellen, so, dass der Zugang zum Gang ganz frei ist. Dann löschte er das Licht. Stille. Wir standen dicht gedrängt in völliger Dunkelheit, eng von Steinen, Sand und einer Grasdecke umschlossen. Wieder benötigen die Augen ein kurze Zeit, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich nahm die Mündung des Ganges wahr, durch die ein diffuser schwacher Lichtschimmer fiel, aber kein direktes Licht. Und dann, zuerst kaum wahrnehmbar, fiel auf einmal ein warmer Lichtstrahl durch den Gang, wurde langsam heller und heller bis er den Boden der Kammer völlig ausleuchtete. Eindrucksvoll simulierte eine geschickt im Gang platzierte Lampe den Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende. Der Guide setzte seine Erklärungen fort und schaltete dann die reguläre Beleuchtung wieder ein. 

Am Schluss der Führung, bevor wir die Kammer wieder verliessen, wies er uns noch auf eine Verlosung hin. Alle, die hier eine Führung gebucht hatten, konnten an einer Tombola teilnehmen. Am Ende des Jahres würden 50 Teilnehmer ausgelost, die zur nächsten Wintersonnenwende im Dezember kostenlos an einer Führung in die Kammer teilnehmen und sich das Schauspiel in Natura ansehen dürfen. Er konnte aber nicht garantieren, dass dann auch die Sonne scheinen würde. Um diese Zeit, so nah an der Irischen See, würde oft stürmisches Wetter mit dichter Bewölkung oder dichter Nebel herrschen. 

Geblendet von der Sonne traten wir aus dem Gang und umrundeten den Hügel. An die Hundert große Steine liegen um den Hügel herum, alle kunstvoll verziert mit geometrischen Mustern und Symbolen, deren Bedeutung bis heute keiner kennt. Es gibt noch zwei weitere Grabhügel im Boyne Valley und es gibt eine Vielzahl Gräbern und „Henges“ und Steinkreisen in Nordeuropa die zeigen, dass sich die Menschen schon vor tausenden von Jahren mit dem Himmel beschäftigt und ihn sorgfälltigst beobachtet haben: Maeshowe und den Ring of Brodgar auf den Orkneys, die Standing Stones of Callanish auf Lewis und die Menhire in der Bretagne sind nur einige Beispiele. Diese steinernen Zeugen aus den letzten vier- bis fünftausend Jahren haben sich gut erhalten, aber aus Grabungen bei Stonehenge weiß man, dass es dort schon vergleichbare frühere aus Holzpfählen gefertigte Anlagen gab, die noch einmal 5.000 Jahre älter sind.


Auch ich beobachte gerne den Sternenhimmel. Besonders auf den langen Seereisen, weit draußen auf der Nordsee oder im Nordatlantik, liege ich nachts oft auf dem Vordeck und kann stundenlang in den Himmel sehen. Das ist der perfekte Platz: Da kommt, außer dem Schein der seitlichen Positionslichter, kein störendes Licht hin und das Licht hinter den Brückenfenstern ist stets stark abgedimmt. Oder in den abgelegenen Wäldern Lapplands (wo im Winter mit etwas Glück noch das Polarlicht hinzu kommt), an einsamen Stränden und überall, wo es dunkel genug ist, manchmal auch mit schmerzendem Nacken am folgenden Morgen. Auch meine Kinder haben schon früh den Himmel beobachtet. Dabei hatten sie natürlich zuerst den Mond im Blick, der ständig seine Form und Position änderte, und fragten nach dem warum und weshalb.


Auch an meinem Wohnort nördlich von Hamburg kann man den Himmel in vielen Nächten gut beobachten. Das gilt besonders für die sternklaren, kalten Winternächte mit geringer Thermik, in denen die Lauft kaum flimmert. Da in diesen wolkenfreien Nächten die Lichter der Stadt und des nahen Flughafens nicht von den Wolken reflektiert werden, haben wir dann einen hinreichend dunklen Himmel. Auf meinen abendlichen Spaziergängen in der frühen Dunkelheit im Winter auf den nahen Wald- und Feldwegen kann ich das Band der Milchstraße und auch die winterlichen Sternschnuppenschauer der Leoniden im November und der Geminiden im Dezember bei klarem Wetter gut erkennen.

Auf diesen abendlichen Runden komme ich oft an einem sehr irdischen und abstrakten Sternenfeld vorbei: Wo vorher Mais und Getreide angebaut wurden oder Pferde und Kühe weideten, liegt seit wenigen Jahren eine Station des Low Frequency Array (LOFAR). Sie ist Bestandteil eines digitalen Radioteleskops, das sich über sechs europäische Länder erstreckt. Das Feld mit den Antennen liegt hinter einem alten Knick mit mächtigen Eichen und ist von einem hölzernen Stakettenzaun umgeben. Links vom Eingangstor steht ein Messcontainer, in dem die Daten zusammenlaufen und mit denen der anderen Stationen zusammengeführt werden. Insbesondere im Sommer, wenn der Bauer auf dem umgebenden Acker Sonnenblumen gepflanzt hat und diese bis an den Stakettenzaun heran wachsen, könnte man die ganze Anlage von weitem auch für einen Schrebergarten halten. Am Rande des Messfeldes stehen einige Julen, kleine Holzgalgen, die als Sitzstangen für Raubvögel dienen. Die sollen das Gelände von Bodennagern freihalten, die gerne mal die Verbindungsleitungen zwischen den Antennen und dem Messcontainer kappen. Hier habe ich schon oft Bussarde auf den Julen sitzen sehen. Abends in der Dunkelheit, wenn es kaum noch Verkehr gibt und nur das ferne Rauschen der Autobahn zu hören ist, hört man deutlich das leise Brummen der Klimaanlage im Messcontainer.


Auf einen Schild am Eingang kann man lesen, dass das LOFAR Radiowellen von Sternen und Galaxien empfängt, die viele Milliarden Jahre alt sein können. In den Niederlanden werden die Daten aus zzt. etwa 50 Stationen zusammengefügt und zu hochaufgelösten Radiobildern verarbeitet, man könnte auch sagen zu digitalen Sternenfeldern. Die Daten sollen u. a. helfen die ersten Sterne im Universum aufzuspüren und magnetische Felder im Kosmos zu vermessen. In dem eingezäunten Areal gibt es zwei Arten von Antennen: Ein Gebiet mit vielen kleinen etwa 2 m hohe Stabantennen und ein großen Feld von Antennen, die in flachen quadratischen Boxen untergebracht sind, die wiederum mit schwarzen Planen abgedeckt sind. Es ist dieser Antennentyp, der mich immer wieder fasziniert und meine Phantasie in Gang setzt: Oftmals sind diese Abdeckplanen nass vom Regen oder vom Tau und es kommt, je nach Tages- oder Nachtzeit, zu phantastischen Spiegelungen auf diesen nassen Planen. Dann liegt das Abbild unseres realen Himmels mit seinen Wolkenformationen oder dem nächtlichen Mondlicht auf diesem digitalen Sternenfeld, welches eben diesen Himmel für einen Zeitpunkt rekonstruiert, der vielleicht Millionen Jahre zurück liegt.


Ich stelle mir dann immer vor, dass sich in dieser vielleich nur millimeterdünnen Wasserschicht auf den Planen zwei Zeitpunkte berühren, die unvorstellbar weit auseinander liegen. Das ist natürlich nur eine IlIusion, eine Träumerei, aber trotzdem fasziniert mich diese Vorstellung immer wieder. 

Und irgendwo zwischen dem heutigen Himmel und der nachträglichen Rekonstruktion eines sehr viel früheren Sternenfeldes liegen Newgrange und die frühsteinzeitlichen Vorstellungen der damaligen Menschen von ihrem Universum. 

Ansatzweise geben uns diese Relikte auch Hinweise auf die Art, wie sich diese Menschen in „ihrem“ Universum mit Hilfe ihres Himmels verortet und ihren Jahreszyklus organisiert haben. Und vielleich ist das einer der Gründe, warum uns solche Bauwerke und Kultstätten auch heute noch so faszinieren.


Ich habe oft versucht, diese Spiegelungen zu fotografieren, aber duch den umgebenden Zaun ist es nur in einem flachen Winkel möglich. Auch wenn ich die Kamera auf gut Glück über dem Kopf halte gelingt es nicht so, wie ich es mir vorstelle. Aber es hat, insbesondere bei Nacht, wenn sich der Mond auf den nassen Planen spiegelt und die Klimaanlage ihr „kosmisches Rauschen“ verströmt, immer etwas magisches. 

Und wenn es noch so kalt und windig ist, ich bleibe jedes Mal einen Augenblick stehen und die Gedanken gehen auf Reisen...

Juli 2019

Fotos: © H. Klein, Polarlicht-Bild:  © A. Klein