Spitzbergen - Ein Bordtagebuch

FFS Anton Dohrn II, Juli/August 1982

 

Im Sommer 1982 habe ich als Student der Ozeanographie an einer Reise mit dem Fischereiforschungsschiff Anton Dohrn II nach Spitzbergen teilgenommen. Es war nicht meine erste Forschungsfahrt, ich hatte bereits vorher bei einigen Fahrten in Nord- und Ostsee erste Erfahrungen gesammelt, aber es war die erste lange Reise und die erste Reise in das Nordpolarmeer. Und Spitzbergen war schon lange, nachdem ich die Bücher von Nansen und anderen Polarforschern gelesen hatte, ein Traumziel von mir.

Im Rahmen dieser Reise, die mir der Fischereiozeanograph Manfred Stein von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg ermöglicht hatte, wurden zwei Forschungsprogramme parallel durchgeführt, die sich aber thematisch ergänzten: 

Im Rahmen der Fischereiforschung wurde in vorgegebenen Gebieten über festgelegte Zeiträume mit einem Schleppnetz gefischt, um den Fischbestand in den verschiedenen Fanggebieten zu bewerten. Dazu wurde das Vorkommen der verschiedenen Fischarten bestimmt, sowie Größe, Gewicht und Alter der einzelnen Fische. Diese Bestandsaufnahmen dienten u. a. der Festlegung der Fangquoten für die nachkommenden Jahre.

Parallel dazu führten wir rein ozeanographische Messungen durch, bei denen mit einer Sonde die vertikale Verteilung von Temperatur, Salzgehalt und Sauerstoffkonzentration erfasst wurde. Diese Profile wurden sowohl fischereibegleitend jeweils beim Aussetzen und Einholen der Netze aufgenommen, als auch auf rein ozeanographischen Schnitten mit festgelegten Stationen zur physikalischen Zustandsbewertung dieser Meeresgebiete. Diese Schnitte wurden jährlich wiederholt, um die Veränderungen im Ozean zu erfassen 

Das Fischereiforschungsschiff Anton Dohrn II wurde 1963 auf der Seebeck-Werft in Bremerhaven gebaut. Bis 1972 lief sie untern dem Namen Walther Herwig. Das Schiff hatte ein Volumen von 1943 BRT, war 83 m lang und hatte eine Maschinenleistung von 2400 PS. Nach Beendigung ihrer 150. Reise erfolgte am 12. August 1986 die Außerdienststellung, 1993 wurde das Schiff abgewrackt.
Foto: © M. Stein

Donnerstag, 8. Juli

Um 08:30 Treffen der Fahrtteilnehmer vor der Bundesforschungsanstalt für Fischerei an der Palmaille in Hamburg-Altona. Mit dem Bus nach Bremerhaven über Bederkesa, wo wir den Fahrtleiter einsammeln. Gegen 12:00 Ankunft in Bremerhaven, die Anton Dohrn liegt am Kai der Motorenwerke Bremerhaven im Kaiserhafen II. Das Laden ist weitgehend abgeschlossen und gegen 13:30 legen wir ab und laufen durch die Kaiserschleuse in die Weser. Das Wetter ist gut, blauer Himmel und kaum Wind.


Am Nachmittag richten wir das kleine schmale Ozeanographie-Labor über dem Arbeitsdeck ein und installieren die XBT-Anlage und den Rechner für die Multisonde. Die Kammern sind klein, aber sehr gemütlich. Etwa 2,5 m × 3,5 m mit Schreibtisch, Schränken und Waschgelegenheit. Aber mit unseren Seekisten für die persönlichen Sachen wird es doch etwas eng. Mein Kammergenosse ist Billy, ein Biologe aus Österreich.


Schon am ersten Abend beginnt unser Messprogramm. Um 19:00 fange ich mit dem Abwurf der XBT-Sonden an, kleinen bombenförmigen Einwegsonden, die bei fahrendem Schiff die Temperatur über die Tiefe messen, bis der dünne Kupferdraht, der sich von einer Spule in der Sonde und einer zweiten Spule in der Abwurfeinheit abwickelt und die Daten an Bord überträgt, abreißt. Ab jetzt erfolgt zu jeder Stunde ein Abwurf, während das Schiff auf nördlichem Kurs Richtung Atlantik dampft. Meine erste reguläre Wache geht von 01:00 bis 07:00 am nächsten Morgen. Ich bin fast der Einzige von den Eingeschifften, der die ganze Nacht wach bleibt. Es ist ein merkwürdiges Gefühl allein in dem großen leeren Fischdeck zu sitzen mit den Förderbändern und Schlachttischen. Nur das Dröhnen der Maschinen ist zu hören und das Poltern einiger schlecht gesicherter Teile im leichten Seegang. Ab 04:00 beginnt der Kampf mit der Müdigkeit und ich hole mir einen starken Kaffee aus der Pantry.

Freitag, 9. Juli

Weiterhin gutes ruhiges Wetter. Nach meiner ersten Nachtschicht bis zum Mittag geschlafen. Gegen Mittag sind wir auf der Höhe des Skagerraks. Das salzärmere Ostseewasser, das hier oberflächennah in die Nordsee fließt, zeichnet sich deutlich in der Temperaturschichtung ab. Bei Tageslicht hat das Wasser in diesem Bereich eine intensive türkisblaue Färbung.


Am Nachmittag versammeln sich alle Wissenschaftler auf der Brücke und stellen ihr Arbeitsprogramm vor. Wir sind drei Fischereibiologen, drei Biochemiker, ein Biologe, mit mir zwei Ozeanographen, eine Meteorologin und ein Wettertechniker. Während wir am Abend auf dem Peildeck in der Sonne sitzen und Basstölpel und Eissturmvögel beobachten, macht die Mannschaft das Netz für den ersten Hol klar. Morgen um 05:00 soll ich noch ein letztes XBT abwerfen, ab 06:00 soll dann gefischt werden. Mittagsposition 57° 12‘ N; 5° 18‘ E.

Samstag, 10. Juli

Ich bin nach der langen Nacht kaum eingeschlafen, als ich kurz vor sechs hochschrecke. Unsere Kammer befindet sich fast genau unter der großen Kurleinen-Winde an Steuerbord, die jetzt für den ersten Hol der Reise anspringt. Beim Ausbringen der Netze werden auch die schweren Eisenkugeln über das Deck gezogen, die den unteren Teil der Netzöffnung beschweren. Ein Höllenlärm! Dann bis 11:00 weiter geschlafen. Am Nachmittag weist Manfred mich in die Bedienung der Multisonde ein. Wir haben zwei Sonden an Bord, eine große mit und eine kleinere Sonde ohne Kranzwasserschöpfer.

Wir fischen den ganzen Tag auf der Vikingbank, aber das Wetter verschlechtert sich, der Wind nimmt zu, es beginnt zu regnen. Das Schiff beginnt merklich zu schaukeln. Ich bekomme ein leicht flaues Gefühl im Magen und lege mich in die Koje, aber kurz darauf holt mich der Fahrtleiter ins Bio-Labor. Dort gibt’s Kaisergranat, den der Biologe als Beifang in seinen Planktonnetzen hatte, frisch aus dem Kessel und dazu Aquavit. Danach geht es mir gleich besser. Es ist doch gut, bei Seegang etwas im Magen zu haben. Später gibt es Kino in der Messe, wir haben eine große Anzahl an Spielfilmen mit an Bord. Unsere Mittagsposition liegt auf 60° 18‘ N; 2° 48‘ E, im Übergangsbereich zwischen Nordsee und dem Nordatlantik.

Mit der Multisonde werden die Parameter Temperatur, Leitfähigkeit und Druck gemessen. Aus diesen Parametern wird dann auch der Salzgehalt berechnet, die Messtiefe wird über den Druck bestimmt. Zusätzlich hatte unsere Sonde auch einen Sauerstoff-Sensor. Die Sonde sitzt im Rahmen eines Kranzwasserschöpfers, der je nach Größe mit einer bestimmten Anzahl von Probenflaschen bestückt werden kann. Beim Fieren der Sonde bis kurz über den Meeresboden sind die Flaschen oben und unten geöffnet, so dass das Wasser frei durchströmen kann. 

Sonde und Wasserschöpfer hängen an einem Einleiterdraht, der die Sonde mit Strom versorgt und die Messdaten an einen Rechner im Ozeanographie-Labor überträgt. Beim Fieren der Sonde wird so ein Vertikalprofil der Parameter aufgenommen und an Bord auf einem Bildschirm dargestellt. So kann man sich die Profile ansehen und beim Hieven die einzelnen Probenflaschen in den gewünschten Tiefen schließen.
 Foto: © M. Stein 

Sonntag, 11. Juli

Über Nacht hat sich das Wetter beruhigt. Wir fischen jetzt unweit der Insel Svinøya. Grauer Himmel, aber es ist trocken und ziemlich kühl. Am Schiff viele Seevögel. Gegen Mittag brechen wir in Richtung Røstlandet auf, einer nur knapp 4 km² großen Insel am südlichen Ende der Lofoten-Kette, die von vielen kleinen Schären umgeben ist.


Noch vor dem Mittagessen bereiten wir die große Multisonde für den Einsatz vor. Dann bauen wir im Micro-Labor, im untersten Deck des Schiffes, die Titrieranlage für die Sauerstoffbestimmung auf. Hier ist bei Seegang der ruhigste Ort im Schiff. Am Nachmittag testen wir die Anlage und Manfred zeigt mir, wie man die Sauerstoffkonzentration im Seewasser chemisch bestimmt. Zwanzig Minuten vor Mitternacht gibt es einen herrlichen Sonnenuntergang. Mittagsposition 63° 18‘ N; 5° 54‘ E.

Montag, 12. Juli

Am frühen Morgen überqueren wir auf 66° 33‘ 55“ den Polarkreis. Aufgrund des eng getakteten Arbeitsprogramms wird die traditionelle Polartaufe auf die Rückreise verschoben. Regen und kabbelige See. Am Vormittag machen wir einen weiteren Test der Titrieranlage, gestern gab es noch Probleme. Für den Rest der Reise soll ich jeden Abend die Sauerstoffbestimmung der über den Tag genommen Proben durchführen. Nach dem Mittag Sicherheitsbelehrung und Rollenübung. Billy muss einen Schwerverletzten mimen, der von der Mannschaft unten im Schiff aus dem Maschinenraum geborgen werden muss. Ich vermute, er wurde deshalb ausgewählt, weil er einer der Leichtesten an Bord ist.


Es bläst ein kalter Westwind und der Seegang nimmt im Laufe des Tages weiter zu. Lufttemperatur bei 10 °C, Wassertemperatur an der Oberfläche 9,3 °C. Am Nachmittag nehmen wir mit der Sonde die ersten beiden Profile auf 67° 39‘ N, 10° 47’E und 67° 49‘ N, 10° 43’E. An Deck, beim Abfüllen des Seewassers aus den Flaschen des Kranzwasserschöpfers in die kleinen Glasflaschen für die Sauerstoffbestimmung, frieren mir fast die Finger ab. Durch den starken Westwind baut sich eine immer höhere Dünung auf. Abends Kino in der Messe.

Dienstag, 13. Juli

In der Nacht trieb das Schiff mit Kopf in der See. Im Ozeanographie-Labor wurde alles von den Tischen geräumt, was nicht richtig gelascht war. Ein Stapel mit Expeditionskisten und die große Sonde sind auch umgekippt. Das Seil, das wir zum Laschen benutzt haben, hat sich an einer scharfen Kante durchgescheuert, zum Glück ist alles heil geblieben! 

Bedeckter Himmel, kalter Wind, Luft 7 °C, Wasser 6,5 °C. Zwischen 67° 50‘N und 68° 23’N messen wir mehrere Profile. Aber das Barometer steigt wieder und das Wetter wird im Laufe des Tages immer ruhiger. Bis 21:00 Sauerstoffproben titriert. Ich bekomme immer mehr Routine, aber die Werte des Sensors an der Sonde kommen uns fragwürdig vor.

Ensatz der Multisonde.  Foto: © M. Stein

Mittwoch, 14. Juli 

Als ich am nächsten Morgen an Deck komme bietet sich ein grandioser Anblick. An Steuerbord querab die blau-schwarze Silhouette der Lofoten gegen das Morgenlicht. Die Berge fallen hier aus über 900 m Höhe mit bizarren Felsformationen steil ins Meer ab. Als die Sonne höher steigt, kann ich Schneefelder und Gestein unterscheiden, aber die Gipfel der Berge bleiben in einer Wolkenschicht verborgen. Den ganzen Tag ruhige See und leichter, umlaufender Wind. Dazu bedeckter Himmel, Luft 8 °C, Wasser 9 °C. Die letzte Station liegt auf 68° 46’N, 11°39’E. 

Donnerstag, 15. Juli

Herrliches Wetter, Sonne, Windstärke 3 Beaufort (Bft), gute Sicht. Wir sind jetzt dicht unter der Lofoten-Kette. Am Abend, im Licht der tiefstehenden Sonne, treten die Lofoten viel plastischer hervor. Man kann Felsen und Waldstücke erkennen und den Schnee in den Mulden und Gipfelregionen. Letzte Messung auf 69° 10’N, 13° 57’E, es geht immer weiter nach Norden. Es bestätigt sich, dass die Werte des Sauerstoffsensors an der Sonde falsche Werte liefern. Wir nehmen deshalb zusätzlich auf jeder Station eine Probe mit der Pütz, einem an einem Seil hängenden Metalleimer, für die Salz- und Sauerstoffbestimmung an der Oberfläche.

Freitag, 16. Juli

Da wir weiter in diesem Gebiet arbeiten wollen, trieb das Schiff über Nacht im Schein der Mitternachtssonne. Am Morgen ist es merklich wärmer, Luft bei 12 °C. Noch immer ruhige See mit leichtem, südlichem Wind. Letzte Messung auf 70° 24’N, 17° 12’E.

Samstag, 17. Juli

An fünf Positionen Sonden-Profile für die Fischerei genommen. Das Wetter ist wechselhaft mit leichtem Ostwind.

Sonntag, 18. Juli

Von Mitternacht bis 07:00 Wache, zwischen den Stationen Sauerstoff titriert und neue Fixierlösung angesetzt. Dann bis zum Nachmittag geschlafen. Wir laufen jetzt in Richtung Tromsø, unserem ersten Zwischenstopp. Am Nachmittag bauen wir die Mechanik zum Schließen der Flaschen am Kranzwasserschöpfer auseinander, da diese nicht richtig schließen. Alle Flaschen werden sorgfältig gereinigt, die Mechanik gefettet und wieder zusammengesetzt. Wind und Seegang nehmen wieder zu.

Montag, 19. Juli

Nach einer unruhigen Nacht laufen wir am Morgen in Tromsø ein, gegen 09:00 gibt der Zoll das Schiff frei und wir können von Bord. Die Stadt liegt auf der Insel Tromsøya mitten im Tromsø-Sund, der zu einem wahren Labyrinth von Fjorden gehört. Unser Liegeplatz liegt sehr günstig vor den alten Speichern am Hafen und kurz vor der großen Brücke über den Sund, die direkt auf die Eismeerkathedrale zuläuft. Am Vormittag erkunden wir die Stadt, bringen Briefe zur Post und erledigen ein paar Einkäufe. Auf Empfehlung des Fahrtleiters gehen wir am Nachmittag ins Tromsø-Museum, dort soll es eine interessante Spitzbergenabteilung geben. Das kleine Museum zeigt viel über die Geschichte Tromsøs und die Kultur und Lebensweise der Sami, aber nichts von Spitzbergen. An der Kasse erfahren wir auf Nachfrage, dass die Spitzbergen-Ausstellung jetzt in dem neuen Polarmuseum untergebracht ist, aber dafür ist es jetzt zu spät.

Das Abendessen wurde heute auf 17:00 vorverlegt, so dass noch Zeit für einen Bummel durch die Stadt mit ihren vielen bunten Holzhäusern bleibt. Tromsø hat etwa 47.000 Einwohner, aber nicht alle Stadtteile liegen auf Tromsøya. Die Häuser ziehen sich den Hang hinauf, viele mit schönen, oft naturbelassenen Gärten, in denen überall der Fels zutage kommt. In den Gärten wachsen u. a. Klatschmohn, gelber Polarmohn, Kornblumen, Baldrian und Persischer Bärenklau, der hier als Tromsø-Palme bezeichnet wird.

Dienstag, 20. Juli

Früh am Morgen überqueren wir die Brücke über den Sund und kommen in den Vorort Tromsdalen mit der Eismeerkathedrale. Ihr statten wir nur einen kurzen Besuch ab, denn wir wollen die Zeit bis zum Auslaufen nutzen, um eine kleine Tour auf den 420 m hohen Storsteinen machen. Mit der Seilbahn erreichen wir schnell ein Hochplateau und laufen von dort aus gut eineinhalb Stunden durch den Schnee bis zum Gipfelkreuz. Es weht ein eiskalter, stürmischer Wind, aber wir haben eine klare Sicht auf die Stadt und die vielen Fjorde. Die meisten Gipfel der höheren Berge in der Umgebung liegen in den tief hängenden Wolken. Im Windschutz eines Steinhaufens machen wir Rast und verzehren unser Frühstück. Dann machen wir uns auf den Rückweg, um 15:00 wollen wir auslaufen und müssen eine Stunde vorher an Bord sein.

Auf dem Storsteinen. Foto: © M. Stein




Von Tromsø aus fahren wir mit einem Lotsen an Bord durch die Schären bis nach Hammerfest. Es gießt in Strömen und durch die Kanalwirkung zwischen den steilen Fjorden weht ein stürmischer Wind. Die Wolken hängen so tief, dass man kaum die Berge sieht. Zum Glück lässt der Regen am frühen Abend etwas nach, und am Bug stehend genießen wir die spektakuläre Aussicht. Einige Passagen zwischen den Inseln sind so schmal, dass wir dicht an den steilen Felswänden vorbeifahren. An den Hängen und in den Kar-Mulden liegen noch viele Schneefelder und das Schmelzwasser ergießt sich in unzähligen Wasserfällen in die See. Wenn ab und zu die Sonne durchkommt, bilden sich intensive Regenbögen über den Fjorden. Dann leuchten auch die bewachsenen Abschnitte an den Hängen in einem unwirklichen Gelb-Grün auf und in das stumpfe Grau der Felsflächen mischt sich ein Blauton. Gegen Mitternacht erreichen wir die Zufahrt nach Hammerfest. Der Lotse wird von einem Lotsenversetzer abgeholt und wir nehmen wieder Kurs auf die offene See.

Mittwoch, 21. Juli

Am Morgen beginnen wir wieder mit den Fischerei-Stationen. Aufgrund technischer Probleme müssen wir auf die kleine Sonde wechseln und klemmen einen Nansen-Schöpfer über die Sonde, den wir mit einem Fallgewicht schließen können. Der Wind weht mit Bft 6 aus NE, 4 m See, gegen Abend dreht der Wind auf NW. Die letzte Station des Tages liegt auf
71° 17’N, 22° 01’E.

Donnerstag, 22. Juli

Unruhige Nacht, Wind Bft 8 aus WNW, hohe See. Der Regen kommt horizontal und ist zeitweise mit Schnee vermischt. Das Frühstück bin ich schnell wieder losgeworden. Nach der zweiten Station ändern wir wetterbedingt das Programm und laufen zur Bäreninsel (Bjørnøya). Unterwegs arbeiten wir die Sonden-Stationen auf dem Ozeanographie-Schnitt zwischen dem Nordkap und der Bäreninsel ab. Hier vor Ort kündigt sich schon das nächste Tief an, aber unsere Meteorologin macht uns Hoffnung auf ruhigeres Wetter weiter nördlich. Die Fischereistationen auf der Nordkap-Bank werden wir auf dem Rückweg abarbeiten. Es ist jetzt recht ruhig an Deck, die meisten liegen in ihren Kojen und versuchen sich einigermaßen mit dem Wetter zu arrangieren. Gegen Abend beruhigt sich das Wetter etwas und die See flacht ab, aber es weht noch immer mit Bft 6 aus NW.

Freitag, 23.Juli

Je weiter wir nach Norden gekommen sind, desto ruhiger wird das Wetter. Heute den ganzen Tag fast Windstille und außer einer langen Dünung kaum Seegang. Aber es zieht Nebel auf, der immer dichter wird. In diesem Gebiet, wir sind jetzt auf 74° nördlicher Breite, treffen der warme Nordatlantik Strom und der kalte Ost-Spitzbergen Strom aufeinander. Die Lufttemperatur liegt bei 3-4 °C, die Wassertemperaturen, je nach Position der Messstationen, zwischen 3,5 und 0,9 °C. Wir beobachten viele Krabben-Taucher am Schiff. Gegen Abend erreichen wir die letzte Station auf dem Nordkap-Bäreninsel Schnitt auf 74° 12’N, 19° 27’E.

Samstag, 24. Juli

Ruhige See, leichter Südwind und leicht bedeckter Himmel. Arbeiten im Laufe des Tages sieben Fischereistationen ab. Um 20.00 beginnen wir den ozeanographischen Bäreninsel-West Schnitt, auf dem wieder ausschließlich Sonden-Messungen gemacht werden.

Sonntag, 25. Juli

Weiterhin ruhige See und leichter Südwind. Der Fahrtleiter hat persönliche Kontakte zur Besatzung der Forschungsstation auf der Bäreninsel und schon vor ein paar Tagen über Funk Verbindung aufgenommen. Später, nachdem wir die Stationen in diesem Seegebiet abgearbeitet haben, wollen wir mit einem Beiboot zur Insel übersetzen. Die Wissenschaftler, die dort in monatelanger Einsamkeit arbeiten, freuen sich schon auf die Abwechslung. Anschließend will die Besatzung der Forschungsstation uns an Bord besuchen. 


Im Laufe des Tages treibt der leichte Südwind jedoch warme Luft über das Eismeer, so dass der Nebel immer mehr zunimmt und die Sicht rapide abnimmt. Als wir nördlich von Herwigshafen liegen, wo wir Anlanden wollen, müssen wir den Besuch absagen. Wir hätten zwar mit etwas Glück den kleinen Hafen an der Nordküste der Bäreninsel gefunden, aber das Risiko, auf dem Rückweg das Schiff nicht zu finden, ist einfach zu hoch. Auf dem Radarschirm werfen wir einen letzten Blick auf die Bäreninsel und beschließen zur nächsten Fischerei-Station zu laufen. Dort wollen wir das Schiff bis zum Morgen treiben zu lassen. Wir planen, den Besuch auf der Rückreise nachzuholen.


Montag, 26. Juli

Den ganzen Tag ruhige See, überwiegend bewölkt und ein leichter Ostwind. Durch das ruhige Wetter der letzten Tage kommen wir auf den Transits zwischen den Stationen schnell voran. Heute sechs Stationen, die letzte auf 74° 54’N, 15° 50’E.

Dienstag, 27. Juli

Am Morgen legt der Wind kräftig zu, flaut aber am Nachmittag wieder auf Bft 6 aus SE ab, See 3-4 m. Um 15:00 erreichen wir die erste Station auf dem Eisfjord-Schnitt mit 2610 m Tiefe. Auch auf diesem Schnitt werden wieder nur ozeanographische Sonden-Profile aufgenommen.

Mittwoch, 28. Juli 

Am Morgen leicht bewegte See und Nebel. Wir sind jetzt vor der Mündung des Isfjords auf der Höhe von Kap Linné, es ist aber keine Spur von Land zu sehen. Doch dann hebt sich plötzlich der Nebel und wir können an Steuerbordseite das Kap ausmachen. Am Hang des schneebedeckten Berges erkennen wir die Funkstation von Isfjord Radio. Die Hänge beiderseits des Fjords sind steil und von senkrechten Rinnen zerfurcht, in denen das Schmelzwasser in den Fjord stürzt. An Backbord können wir im Nebel die Flanken des über 800 m hohen Protektorfjellet ausmachen. An den schmalen Stränden liegen gestrandete Eisberge. 


Wenig später passieren wir die Mündung des Grønfjords mit der russischen Bergbau-Siedlung Barentsburg. Wir erkennen eine Handvoll symmetrisch angeordneter Wohnblöcke, dahinter starten und landen Hubschrauber. Einer kommt direkt auf uns zu und dreht eine Runde um unser Schiff. Wenig später reißt der Himmel auf und die Sonne bricht durch. Sofort verändern sich Licht und Landschaft. Die Täler werden von einem diffusen, gräulichen Licht erhellt und an den Hängen leuchtet das spärliche Grün der Moose auf.
  
Die Polarbjørn im Isfjord.

Die Berge sind unterschiedlich geformt. Einige mit schroffen Kanten und hohen, weißen Gipfeln, andere mit weichen Formen, die an ein hingeworfenes Tuch erinnern. Gegen Mittag biegen wir nach Süden in den Adventsfjord ab und gehen vor der alten Bergarbeitersiedlung Longyearbyen vor Anker. Auch hier wird noch Kohle abgebaut, aber viele der alten Stollen scheinen schon stillgelegt zu sein.

Nach dem Mittag bringt uns das Schlauchboot an Land, es gibt nur eine sehr kurze Pier, an der jetzt ein Versorgungsschiff und das Schiff des Sysselmanns liegen, des norwegischen Gouverneurs von Spitzbergen. Der nach einem englischen Bergbau-Ingenieur benannte kleine Ort liegt in einem Tal mit einigen Holz- und Lagerhäusern beiderseits eines kleinen Flusses. Dieser fliest in einem breiten Schotterfeld von den Bergen in den Fjord und wird mit dem Schmelzwasser der Gletscher gespeist, der sogenannten Gletschermilch, eine Bezeichnung die auf der kreidefarbenen Färbung des Wassers beruht.

Alles erinnert hier an den Kohleabbau. Quer durch das Tal in die steilen Hänge hinein laufen die Tragseile der Hängeloren zu den Stolleneingängen der Minen. Auf einer kleinen Erhebung liegt das Haus des Sysselmanns. Wir folgen dem Weg auf der rechten Talseite, passieren eine kleine Holzkirche und kurz dahinter einen am Hang liegenden kleinen Friedhof mit weißen Holzkreuzen. Hier liegen vorwiegend die Opfer von Minenunglücken. Die mit Moos bewachsenen Gräber sind mit Feldsteinen bedeckt, aufgrund des Permafrostbodens können hier keine Gräber ausgehoben werden. Am Ende des Ortes liegen die Post und das Warenhaus, sowie die Zwinger der Schlittenhunde. Wir machen ein paar Einkäufe und erledigen unsere Post, dabei lasse ich mir den berühmten Rentierstempel von Longyearbyen in mein Tagebuch stempeln. Von etlichen Briefmarkensammlern haben wir frankierte Briefe und Postkarten mitbekommen, nur damit sie diesen Stempel für ihre Sammlung erhalten.

Vorbei an den Zwingern und zahlreichen Schneemobilen wandern wir zu einer Gletschermoräne am Ende des Tals. Je weiter wir ins Tal kommen, desto lauter wird das Tosen der Wasserfälle, die von den Fjells hinunter ins Tal stürzen. An den oberen Bergflanken haben zahlreiche Seevögel ihre Nester und die schrillen Rufe der Vögel übertönen das Rauschen des Wassers. Die Endmoräne des Gletschers wirkt wie eine von zahlreichen Bächen durchzogene Geröllhalde. In den Sandsteinblöcken entdecken wir viele Fossilien aus dem Tertiär, hauptsächlich Abdrücke von Laubblättern. Von hier oben hat man einen guten Blick über das Tal und den Adventsfjord. Die Hänge leuchten rötlich in der tiefstehenden Sonne, die spärlichen Moosflecken heben sich klar ab und dazu das gleißende Licht auf dem Eis der Gletscher.


Plötzlich kommt ein schneidend kalter katabatischer Wind auf und die über dem Gletscher abgekühlte Luftmasse fällt sturmartig ins Tal. Wir packen unsere Sachen und einige Fossilien zusammen und machen uns auf den Weg zurück ins Tal. In der kleinen Wirtschaft im Postgebäude trinken wir noch ein Bier, dann schlendere ich noch alleine durch den Ort und setze mich auf einen kleinen Steg am Wasser, um auf das Schlauchboot zu warten. Plötzlich taucht wenige Meter vor mir der mächtige Kopf eines Walrosses auf. Wir blicken uns für ein paar Sekunden erstaunt an. Seine Stoßzähne sind noch zur Hälfte im Wasser und aus seinem mächtigen Schnauzer trieft das Wasser. Dann lässt es sich nach hinten fallen und verschwindet im dunklen Wasser des Fjords. Was für eine Begegnung! Um 19:00 gehen wir Anker auf, verlassen den Adventsfjord und fahren ostwärts bis ans Ende des Isfjords. Dort schleppen die Biologen ihr Planktonnetz, bevor wir wieder Kurs auf Kap Linné nehmen.

Friedhof und Blick ins Tal von Longyearbyen.

Donnerstag, 29. Juli

In der letzten Nacht wurde noch auf zwei weiteren Stationen das Planktonnetz ausgebracht, jetzt laufen wir zur westlichsten Station des Kongsfjord-Schnitts auf 79°N, 5°E. Dieser rein ozeanographische Schnitt führt auf 79°N ostwärts bis zur Mündung des Kongsfjords. Um 10:22 erreichen wir die westlichste Station mit einer Wassertiefe von 2500 m. Wir finden dort eine etwa 20 m dicke Oberflächenschicht mit einer Temperatur von -0,8 °C und einem Salzgehalt von nur 32.8 Promille vor. Dies beruht auf dem eingemischten Schmelzwasser von der Eiskante, die nur etwa 3 Seemeilen nördlich verläuft. Deutlich erkennt man am Himmel den Eisblink, dort spiegelt sich die helle Eisfläche an der Unterseite der Wolken. Luft 2,3 C, Wind Bft 4-5 aus SE. Nach dem Mittag fahren wir eine Zeitlang an der Eiskante entlang. Sie besteht aus relativ kleinen blau-grünen Meereis-Schollen, die etwa einen Meter aus dem Wasser ragen. Zeitweise fällt etwas Schnee. In diesem Jahr ist das Eis ungewöhnlich weit nach Süden vorgedungen, bis an die Nordküste Spitzbergens. Da das Schiff keine Eisklasse hat, müssen wir die weiter nördlich geplanten Stationen auslassen.

Freitag, 30. Juli

Gestern Tequila-Abend auf Manfreds Kammer. Zwischendurch habe ich die letzten beiden Stationen des Schnittes erledigt. Jetzt fahren wir vorbei an der Nordspitze des Prinz Karl Vorlandes in die Mündung des Kongsfjords, wo die Biologen wieder ihre Netze aussetzen. Dann fahren wir weiter in den Fjord hinein. Zwischen den Schneeschauern haben wir gute Sicht, die Nebelschicht über den Gletschern beginnt erst in 150-200 m Höhe. Wir passieren die kleine Siedlung Ny Ålesund mit dem berühmten Blauen Haus, einer kleinen Forschungsstation am Fuße des Brøggerfjells. Es ist weltweit eine der nördlichsten Siedlungen, die Einwohnerzahl schwankt zwischen etwa 20-30 Personen über Winter und etwas über 100 im Sommer, wenn die Forscherteams anreisen. Weiter östlich münden mehrere große Gletscher in den Fjord. Der Kongsvegen-Gletscher und ein Stück weiter nordwestlich der Kronebreen, einer der größten Gletscher Spitzbergens. Von den Bergen und Gletschern kommt ein eiskalter Wind und immer wieder schneit es. Leider bleibt keine Zeit für einen Landgang.

  

Dann beginnt die Rückreise. Ab jetzt geht es nach Süden und im Laufe des Tages klart es immer mehr auf, bis schließlich die Sonne durchkommt. Wir haben jetzt klare Sicht und obwohl wir einige Seemeilen westlich der Küste laufen, sind die Berge und Eisflächen gut zu erkennen. Die Gletscher leuchten in der tiefstehenden Sonne, die Abbruchkanten und Strandlinien liegen aber schon unter dem Horizont.

Kap Lyell am Bellsund (Aus dem Bordtagebuch)

Am späten Nachmittag wird die Polartaufe nachgeholt. Alle Täuflinge, acht Wissenschaftler und acht Seeleute, werden zusammengetrieben und in das kalte Universallabor gesperrt. Da es schon einige Gerüchte gab, was uns erwarten würde, furchtbare Dinge wurden immer wieder erwähnt, sind die meisten nur dünn mit dem ältesten Arbeitszeug bekleidet. Nach etwa einer halben Stunde werden wir abgeholt. Das Fischdeck ist mit Netzen, Rettungsringen und Fendern geschmückt, der Fahrtleiter übernimmt in entsprechender Verkleidung mit Bändsel-Bart, Südwester und Dreizack die Rolle des Neptuns. Ferner gibt es, ebenfalls in entsprechendem Outfit, den Pastor, den Arzt, den Polizisten und den Advokaten. Alle mit mithilfe von Nivea und Kakaopulver geschwärzten Gesichtern. Es folgen Gesang, Gebet und die Rede Neptuns, dann werden wir wieder ins Labor gesperrt. 

Jetzt werden die Täuflinge einzeln aufgerufen und vom Polizisten abgeführt. Als erstes werden uns die Hände gebunden, dann werden wir in die riesige Ölhose des dicksten Matrosen gesteckt und die Hosenbeine werden unter dem Knie fest zugebunden. Dann wird die Ölhose von hinten mit eiskaltem Wasser aufgefüllt und die Taufprozedur beginnt. Zuerst müssen wir uns vom Barbier „einseifen“ lassen und werden dann gefragt, was man denn an Getränken spenden würde, um seine Sünden abzubüßen. Je nach Antwort wurde die Prozedur fortgesetzt, d. h. die Wassermenge in der Hose wird erhöht, wobei der Doktor dafür sorgt, dass keiner wirklich zu Schaden kommt. Dann folgt die Speisung mit speziellen Frikadellen und Schnäpsen und am Ende werden wir vom Pastor mit Eiswasser getauft. Der Advokat notiert sorgfältig die Menge der gespendeten Getränke und dann nehmen wir den schnellsten Weg zur heißen Dusche. Da größte Problem ist, die Fischschuppen wieder aus den Haaren zu bekommen.


Um 19:00 werden uns im Lotraum auf dem Brückendeck vom Kapitän die Taufurkunden überreicht, dann bekommen wir vom Steward alle ein Schnapsglas überreicht, dessen Inhalt sich, nachdem der Kapitän einen Toast ausgesprochen hat, als reines Seewasser entpuppt. Aber die Gläser sind jetzt leer! Nachdem wir das Südkap Spitzbergens passiert haben, ist an Backbordseite das Eis zu sehen, das der kalte Ostspitzbergenstrom in Form riesiger Eisschollen mit sich führt. Um 19:00 beginnen wir mit dem Ozeanographie-Schnitt vom Südkap Spitzbergens zur Bäreninsel.

Leider ist die rote Schrift der Taufurkunde im Laufe der Jahrzehnte verblasst und nur noch schwer zu entziffern. Der Text lautet:


Wir Neptun,
 Herrscher aller Meere, Flüsse, Bäche, Waschbecken und Zahnputzbecher,
 bekunden hiermit, daß der Erdenbürger
 
Holger Klein
befreit vom Schmutz der südlichen Breiten,
heute auf 14° 30’E Länge,
den nördlichen Polarkreis passiert hat und auf den Namen
Lumme
getauft wurde.
Gegeben an Bord des Fischereiforschungsschiffes Anton Dohrn am 30. 7. des Jahres 1982.
Taufzzeuge:     Grimm
                           Kapitän



Sonnabend, 31. Juli

Beim Anlaufen der 4. Station des Schnittes geraten wir in ein großes, dichtes Packeisfeld mit hoch aufgetürmten Schollen. Vor der Eiskante beobachten wir viele Robben, die teilweise wie Delphine vor dem Bug her schwimmen. Dabei springen sie geschmeidig auf die ihnen im Weg liegenden Eisschollen, rutschen auf der anderen Seite wieder runter und setzen ihren Weg unbeirrt fort. Aufgrund des Eisfeldes müssen wir die Station um etwa 2 Seemeilen nach Westen verlegen. Würde das Eis vom Wind an die Bordwand gedrückt, könnte es passieren, dass wir die Sonde nicht mehr aus dem Wasser bekommen. Die Wolkenbänke über dem Eis werden von der Sonne angestrahlt und leuchten in einem unwirklichen, durchscheinenden Rot. Die ganze Szenerie strahlt eine große Ruhe aus. Gegen 18 Uhr kommt die Bäreninsel in Sicht. Alle hoffen, dass kein Nebel aufkommt, damit wir morgen unseren Besuch der Forschungsstation nachholen können.

Spitzbergen, Südkap

Sonntag, 1. August

Der Besuch der Insel muss wieder ausfallen. Die Sicht ist zwar gut und die See ist relativ ruhig, aber die Crew auf der Insel teilt uns mit, dass die Dünung vor der Küste so hoch ist, dass ein sicheres Anlanden nicht möglich ist. Auf beiden Seiten großes Bedauern und Enttäuschung, aber diesmal können wir wenigstens etwas von der Insel sehen. In sicherem Abstand laufen wir an der Ostküste der Insel bis zum Südkap. Die Gipfel der Berge liegen teilweise in den Wolken, in den Nischen und Vorsprüngen der steilen Klippen brüten dicht an dicht Seevögel. Es sind auch viele Vögel am Schiff, u. a. Lummen und Papageientaucher.

Die Südostküste der Bäreninsel von Osten aus gesehen. (Aus dem Bordtagebuch)

Sonntag, 2. August

Wir sind jetzt wieder auf der Nordkap-Bank und holen die Fischerei-Stationen nach. Wind Bft 6 aus WSW, Luft 8,5 °C, Regen, raue See.

Dienstag, 3. August

Die See hat sich wieder beruhigt und die Sonne scheint. Luft 9,0 °C, Wind Bft 4-5 aus südlichen Richtungen. Wir fischen jetzt auf der Fugløy-Bank NW-lich von Tromsø. In der letzten Nacht ist zum ersten Mal die Sonne wieder für kurze Zeit untergegangen. Im Laufe des Tages frischt der Wind wieder auf, Bft 7 aus SW. Da die Winden unter diesen Bedingungen das Netz nicht an Bord holen können, die Gefahr, dass die Kurleinen brechen ist zu groß, drehen wir bei und warten auf ruhigeres Wetter.

Freitag, 6. August

Fischen noch immer auf der Fugløy-Bank, haben aber stets sehr viel „Kohl“ im Netz, einen elendig stinkenden Glasschwamm aus Silikat. Fasst man mit der Hand hinein, hat man lauter winzige Splitter in der Hand, es ist, als würde man in Glaswolle fassen. Heute fast wolkenloser Himmel und ruhige See, Wind Bft 2-3 aus Ost. Um 12:30 der letzte Hol auf 70° 51’N, 17° 38’E, dann geht es endgültig auf die Heimreise. Schon am Nachmittag beginnen die Aufräumarbeiten. Das Deck wird aufgeklart, die Netze werden geflickt und in der Netzkoje verstaut und das Fanggeschirr gesichert. 

Samstag, 7. August

Entlang der norwegischen Küste Richtung Süden. An Backbord liegt eine Front mit dunklen, hoch aufgetürmten Wolken vor der Küste, an Steuerbord über der offenen See klarer blauer Himmel. Am Nachmittag verstauen wir den Rechner und einen Teil der Ausrüstung in den Expeditionskisten. Am Abend gibt es ein großes Grillfest im Fischdeck, das „Ernte-Dank-Fest“. Alles ist mit Flaggen geschmückt, die Schlachtbank wurde in eine festliche Tafel verwandelt. Es gibt frisch gebackenes Brot, Fisch, Kottelets und Steaks und verschiedene Salate. Jetzt ist es auch an der Zeit, das „gespendete“ Taufbier zu vernichten.

Sonntag, 8. August

Um 11:00 „Kirchenschnaps“ beim Fahrtleiter. Um 14:00 sind wir auf der Höhe von Ålesund. Die Anspannung lässt jetzt nach und wir können uns etwas entspannen und die ganzen Eindrücke und Erlebnisse im Kopf sortieren. Und wir können Schlaf nachholen!

Montag, 9. August

Heiter bis wolkig, Wind Bft 5 aus NW, bewegte See. Am Nordrand der Nordsee beginnen wir wieder mit den stündlichen XBT-Abwürfen, ohne die Fahrt zu unterbrechen. Am Abend wird dem Fahrtleiter feierlich der “Kohlorden“ für die erfolgreiche Kohlfischerei auf der Fugløy-Bank verliehen.

Dienstag, 10. August

Den ganzen Tag sind wir am Einpacken und Auseinanderbauen. Eine ungewohnte Hektik im Schiff, immer wieder kommt uns in den engen Gängen jemand mit einer großen Kiste entgegen. Es ist eine merkwürdige Stimmung, die ich nur schwer beschreiben kann, aber vielleicht empfinde auch nur ich das so. Die Gruppe, die in den letzten Wochen eng als Team zusammen gearbeitet und gelebt hat, fängt schon an sich aufzulösen. Wir alle sind in Gedanken schon halb zuhause und bei unseren Familien oder planen die Arbeit für die nächsten Wochen. Da geht etwas unwiederbringlich zu Ende.


Gegen 16:00 sind wir querab Helgoland, Punkt 17:00 werfen wir das allerletzte XBT und bauen die dazugehörige Abwurfvorrichtung, den Launcher, ab. Die Nacht über treiben wir vor Helgoland. Ich verbringe den Abend auf der Brücke und genieße ein letztes Mal die ruhige Stimmung in der Abenddämmerung, die es im Norden nicht gab. Draußen wir es dunkler und dann streicht in regelmäßigen Abständen das Leuchtfeuer von Helgoland über das Schiff. Überall sind kleine Fischkutter, Kümos und Bäderschiffe unterwegs, was für ein Unterschied zur Leere des Nordpolarmeeres!

Montag, 11.August

Heute sind wir alle früh auf den Beinen, das Frühstück wurde extra vorverlegt. Mit der Morgenflut laufen wir die Weser hoch. Es ist ein freundlicher Morgen mit milder Luft, die meisten von uns stehen auf dem Peildeck und genießen die Morgensonne. Dann kommt Bremerhaven in Sicht, das Lotsenboot kommt längsseits und zwei Schlepper nehmen uns auf den Haken. Pünktlich um 08:00 liegen wir in der Schleuse zum Fischereihafen und eine Viertelstunde später sind wir fest. Ein Bus und LKW aus Hamburg sind auch schon vor Ort und nach Freigabe des Schiffes geht es ans Entladen. Zum Schluss der Abschied von Schiff und Mannschaft, ein großes Händeschütteln, und dann sind wir auf dem Weg nach Hamburg.

Juli/August 1982 ⎈  Januar 2021

Die 119. Reise der Anton Dohrn II ist jetzt fast 40 Jahre her, vieles hat sich seitdem verändert. Die Schiffe sind moderner, geräumiger und zweckmäßiger geworden. Man kann jederzeit telefonieren und ist fast ständig mit dem Internet verbunden. Die Fahrtplanung ist einfacher, da über Satellit permanent die Wetterkarten und Vorhersagen der verschiedenen Wetterdienste abrufbar sind. Damals mussten diese Karten an Bord mühsam anhand der Seewetterberichte von Hand gezeichnet werden. Natürlich hat sich auch die ozeanographische Messtechnik weiterentwickelt. Die Geräte sind zuverlässiger und genauer geworden und meist einfach über einen Laptop zu programmieren und zu bedienen.

Aber auch im Nordpolarmeer rund um Spitzbergen hat sich vieles geändert. Hier erwärmt sich die gesamte Arktis etwa zwei- bis dreimal schneller als im Rest der Welt, die Wassertemperaturen steigen, Spitzbergens Gletscher schrumpfen. Longyearbyen wird jetzt von vielen Touristen besucht und von mehreren Kreuzfahrtschiffen regelmäßig angefahren. Ich kann mich nicht erinnern, damals auch nur ein einziges Kreuzfahrtschiff gesehen zu haben, nur vor der norwegischen Küste sind uns die Postschiffe der Hurtigruten gelegentlich begegnet. Und auch die waren damals deutlich kleiner.