Lappland 

Die Stimmen der Bäche und Flüsse
 zum Schweigen gebracht,
 versiegelt unter Eis und Schnee.
 Nur an den Stromschnellen
 sprudeln noch Worte,
 hastig durcheinander gewirbelt,
 keine Sätze, nur stimmliches Chaos.

Im Schnee auf dem See
 Spurenschrift.
 Einiges können wir lesen:
 Ren, Schneehase, Eisfuchs, Vielfraß, Wolf.
 Bis der Wind die Schrift radiert
 und der Schnee ein neues Blatt auslegt,
 bereit für neue Spuren,
 ein nordisches Palimpsest.

Am Fluss die bleichen Stämme der Birken.
 Die kahle Äste verzweigen sich
 in den blaugrauen Schneehimmel
 wie feines Wurzelgeflecht:
 Himmelswurzeln.

Hinter den Birken
 bis zum Horizont
 ein gefrorenes Meer:
 Das Auf und Ab der Fichten,
 Kiefern und Lärchen,
 schwer mit Schnee bepackt
 und zu phantastischen Figuren gebeugt
 unter eisiger Last.

Bei jeder kurzen Rast,
 wenn das Knirschen der Schneeschuhe verstummt,
 eine große Stille.
 Nur ganz selten
 der Ruf eines aufgeschreckten Vogels
 oder ein fernes Bellen von Hunden.

Die Nächte lang und schneehell
 unter den tief hängenden Wolken.
 Bei klarem Himmel
 die Fülle der Sterne,
 tiefer Raum, nicht Fläche.
 Die klare, kalte Luft
 öffnet die Tiefen der Milchstraße
 wie eine Linse.
 
Polaris in steilem Winkel
 nördlich über dem See
 unter dem pulsierenden
 grünen Band des Polarlichts.
 Von Ferne das Heulen der Wölfe
 und die vielstimmige Antwort
 der Hunde auf den kleinen
 Höfen der Waldbauern.

Bilder, Stimmungen, Töne
 die noch für Wochen
 durch unsere Träume ziehen.
 

H. Klein, 2020